Warum ich nur noch Romane schreibe

[-> 4 LOGBUCH| 10. April 2010/10:49] Warum ich (wieder) Romane schreibe und keine Sachbücher mehr, hat einen simplen Grund: Sachbücher sind mir zu “leblos”. Ich will das mit einem Zitat aus einem Buch eines bekannten französischen Literaturwissenschaftler begründen:

Bei Roland Barthes  fand ich folgenden treffenden Satz:

… werde ich immer  die Art, wie Proust von Kummer spricht, der Art, wie Freud von der Trauer spricht, vorziehen.

Was damit gemeint ist, weiß jeder Autor und jede Autorin: Dass es nämlich drei Arten des Schreibens gibt:

1. Den Erzählfluss, bei dem man sich – auch als Schreibender – wie mitten im Geschehen befindet. Das ist der Idealzustand, den man nicht nur bei sich selbst erreichen möchte, sondern den man auch für die späteren Leser erhofft. Es geht dabei um die Vermittlung möglichst intensiver sinnlicher Qualitäten; sie sind es, die einen Text lebendig machen. Das ist es, wenn “Proust von Kummer spricht“. Wobei ich Barthes hier gerne korrigieren möchte: Immer da, wo Proust oder wem auch immer das Kunststück gelingt, dass der Leser sich mitten im Erzählfluss befindet, wird nicht von Kummer (oder welchem Gefühl auch immer) gesprochen – sondern der Autor erzeugt mit seinem Text im Leser das Gefühl des Kummers. Schon Edgar Allen Poe hat das sinngemäß in die klassische Aufforderung gekleidet, man solle Gefühle “nicht beschreiben, sondern im Leser erzeugen”.

2. Etwas ganz anderes ist ein Sachtext und die Art, wie Sigmund Freud “von  der Trauer spricht”. Der Begründer der Psychoanalyse schreibt, wie jeder Psychologe, über solche Gefühlszustände, analysiert sie, bewertet sie, vergleicht sie mit anderen psychischen Zuständen. Zwangsläufig wird dabei vom vitalen (sinnlichen) Geschehen abstrahiert – es wandert gewissermaßen “vom Herzen” (= Erzählfluss)” ins Neuhirn” (= beschreibender Artikel). Auch wenn Freuds Schriften so anschaulich verfasst sind, dass er sie selbstkritisch als Novellen bezeichnete (d.h. als etwas gewissermaßen Unseriöses – für einen Wissenschaftler), so sind sie in der Tat keine Erzählungen.

3. Etwas noch einmal anderes sind Tagebücher, Briefe und dergleichen, die man als autobiographische oder Selbsterfahrungs-Texte bezeichnet. Sie sind meistens eine Mischung ais erzählendem und sachlichem Text, zu dem noch die spezielle Position des Ich-Erzählers kommt.

Beim Schreiben von Romanen kann man alle drei Formen einsetzen – wobei man Sachtexte (etwa als – echte oder fiktive – Dokumente) nur selten verwenden sollte. Anders ist es mit dem autobiographischen Element. Es ist die stete Quelle der Kreativität. Und gerade im Spiel mit der Verwandlung des Autobiographischen in die Erlebnisse einer Kunstfigur liegt letztlich der Reiz – für den Autor selbst. Er kann sich dabei nämlich auf oft erstaunliche Weise aus immer neuen Perspektiven, durch die Augen immer anderer seiner Innerere Figuren betrachten und begleiten. Wobei das Versteckspiel – auch mit Pseudonymen – auch den künstlerischen Reiz ausmacht.

Wenn etwa Goethe behauptet, “das Persönlichste ist das Allgemeinste”, so hat er wohl diesen Aspekt des erzählenden Schreibens im Blick. Genau dies ist aber auch das Kunststück: Persönliches so zu gestalten, dass andere es nachvollziehen und möglichst auch einen persönlichen Gewinn daraus holen können. Wenn der Leser das Gefühl hat: Der Autor hat mich, den Leser, verstanden – dann ist etwas ganz Wesentliches beim Schreiben geglückt.

Ich glaube sogar, dass dieses Gestalten des eigenen Lebens der eigentliche Antrieb für die meisten Romanautoren ist. Dies darf jedoch nie zu Lasten des Publikums gehen. Die Leser haben gewissermaßen ein Anrecht darauf, bei dieser Reise mitgenommen zu werden und nicht nur mit der langweiligen Nabelschau einer gequälten Literatenseele konfrontiert zu sein - schließlich bezahlen sie ja für den Roman!

Das ist für mich die Herausforderung: Eigenes Erleben so zu gestalten, dass andere auch etwas davon haben. Um es mal etwas plakativ, aber durchaus zutreffend zu benennen: Als Autor trägt man letztlich immer die eigene Haut zu Markte. Wenn man das nicht möchte – sollte man es sein lassen, das Romanschreiben. Oder nur für die eigene Schublade produzieren. Aber erst, wenn man den “narzisstischen Sprung” macht und veröffentlicht, tritt seltsamerweise auch ein richtiger kathartische Effekt der Befreiung ein. Deshalb ist das Publizieren so enorm wichtig für jeden, der mit dem Schreiben vorankommen möchte.

Das Schreiben von Sachbüchern war mir irgendwann einfach zu leblos. Das ist der Grund, weshalb ich nur noch Romane schreibe.
Quelle:
Barthes, Roland: Die Vorbereitung des Romans. (Paris 2007)  Frankfurt a.M. 2008 (Suhrkamp), S. 101

#59 (c) April 2010 Jürgen vom Scheidt / Quelle: xytrblk.com

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