Spielerischer Luxus “Akronym”

(-> 2 MANUSKRIPT | 19. April 2010/06:13) Ab und zu muss der Romanautor mal spielen, auch mit der Sprache. Das regt die Phantasie an und macht kreativ. Akronyme bieten sich da an. ”Xong” ist ein mögliches Ergebnis.
Ein Akronymist ein neues Wort, das aus den Anfangsbuchstaben anderer Wörter gebildet wird. NATO ist so ein Spitz-Wort*, ELSTER (ELektronische STeuerERklärung) ein sehr doppelsinniges anderes. Auch ITER (lat. der Weg) ist so ein Kunstwort, gebildet für das deutsche Projekt zur Erforschung der Wasserstofff-Fusion in Greifswald: “Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor”.
*Akro-nym: griechisch “Spitz-Wort” = ”Wort aus den “Spitzen [= Anfängen] anderer Wörter”)

An letzterem Beispiel sieht man, dass das Akronym auf noch eine zusätzliche Botschaft vermitteln soll: Beim ITER geht es ja darum, einen gehbaren WEG zur Gewinnung unerschöpflicher Energie durch diese Technologie zu finden.

Es geht auch etwas komplizierter: STeReO ist das Akronym für Solar Terrestrial Relations Observatory – das ist das neueste Werkzeug zur Beobachtung der Sonne, das unseren zentralen Stern Sol umkreist und unglaublich tolle Bilder übermittelt – natürlich in Stereo.

Die Wirtschaftskrise um Griechenland hat ein richtig fieses Akronym produziert: PIGS. Diese Schweine ergeben sich aus den Anfangsbuchstaben von Portugal, Italien, Griechenland und Spanien – jenen Ländern, die von einem enormen wirtschaftlichen Verfall bedroht sind und deshalb zur leichten Beute für Großspekulanten werden, wnen die EU nicht gegensteuert. Wer dieses Akronym in die Welt gesetzt hat (irgendein findiger – amerikanischer? britischer? – Wirtschaftsjournalist vermutlich), hat eine wahre Meisterleistung vollbracht. Denn hier transportiert das Akronym eine sarkastische zusätztliche Botschaft: “Ein Land, dessen Regierung sich so verantwortungslos verhält – kann nur aus Schweinen im moralischen Sinne bestehen.”

(Natur-)Wissenschaftler (und Militärs!) lieben Akronyme, speziell die amerikanischen. Ich mag sie auch. xytrblk ist übrigens auch ein Akronym, wenngleich keines der üblichen Art (s. Akronym). Ein paar Spielereien im Rahmen meines Roman-Projekts:

Lauffner
und
Xong
unternehmen
Seltsames

Aber wofür steht dieser LuXuS? Was ist vor allem Xong? Keine Ahnung, zunächst mal jedenfalls. Fragen wir mal den DRAGON, was er dazu meint: “Was ist, bitteschön, Xong?” Hier die Antworten der Diktier-Software:

“Was ist bitte sehr [Xong] Sonnen?” – “ Nein: ich meinte [Xong] Song.” – “Versuchen wir es ein drittes Mal: was ist bitte schön [Xong] sangen?”

Dreimal falsch verstanden. Korrigiern und Trainieren wir das jetzt mal: “SonnenXong.”

Und nun ein neuer, vierter Versuch: ”Was ist bitte sehr [Xong] - Xong?”

Na bitte, klappt doch! Ab jetzt wird der DRAGON ein von mir artikuliertes “Xong” richtig verstehen, einordnen und schreiben.

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Aber was bedeutet denn dieses “Xong” im Rahmen meiner Geschichte?

Als Xong bezeichnet der QQ die Gläserne Pyramide, die er Thomas Lauffner schon sehr früh im Roman zukommen lässt und die sehr seltsame Wirkungen auf ihn haben wird. Die Griechen hätten sie vermutlich als eine Art “Büchse der Pandora” betrachtet. Im 1. Kapitel des Romans erfahrt man mehr darüber. Wer oder was der QQ ist, wird allerdings noch eine Weile ein Geheimnis bleiben.

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xytrblk meint: Musst du denn jeden deiner Tricks verraten?

JvS: Warum nicht? Ist doch ein guter Tipp für alle Romanautoren, wie man mittels DRAGON an neue Einfälle kommen kann – wenn man zum Beispiel mal unter einer Blockade leidet! Und spielen sollten die allemal können. Aber spielen wir mal weiter mit “Xong”. Könnte doch ein Verhören sein für “[X]Song” – also “Lied”:

Thomas Lauffner, meine Hauptfigur, könnte doch immer wieder mal – irrtümlicherweise – sich einbilden, eine akkustische Halluzination zu hören, ein Lied (also einen Song): “Hänschen klein…” (was schon sehr symbolisch wäre, als Hinweis auf eine frühkindliche Heldenreise).

Oder: “He´s a jolly good fellow” (sein amerikanischer Vater hat das gerne gesungen, wenn er ein wenig betrunken von einer Kneipentour mit Freunden heimkam und zärtlich zu seiner Frau werden wollte – was die gar nicht gern hatte. In diesem bedüdelten zustand hatte der Vater gelegentlich auch Zeit für den Sohn – was dieser sehr schätzte. Dass der Vater dann schrecklich sentimental war, weil er Heimweh nach New York hatte, begriff Lauffner erst später. Als er [schon früh im Roman] in New York den Börsenspekulanten und Hedgefund-Manager Conny Bernstine für ein Interview aufsucht, erinnert er sich an diese und andere Episoden mit dem verschwundenen Vater

Noch etwas ganz anderes: “Avatar”

Apropos Büchse der Pandora und Heldenreise des “kleinen Hänschen”: Heute ist ein ziemlich regnerischer Tag. (Dieses Sauwetter könnte auch Thomas Lauffner ebenfalls unterjubeln- ) Ich gönne mir den Luxus (s. oben), heute nochmals in Camerons 3D-Abenteuer Avatar – Aufbruch nach Pandora zu gehen. Zum sechsten Mal.

Fragen Sie mich nicht, was mich an diesem Film so fasziniert. Es ist damit ähnlich wie mit dem Zauberer von Oz, den ich mir als vermutlich Dreizehnjähriger am selben Samstag dreimal hintereinander anschaute, fasziniert von diesem Wechsel aus der Schwarz-Weiß-Welt in Kansas via Wirbelsturm in die Farbenpracht von Oz, fasziniert von diesem Heer fliegender Affen, das Dorothy gegen Schluss in die Burg der Hexe entführt, fasziniert von der ganzen Geschichte.

Apropos Avatar: die 2D-Fassung wird wohl die erste BluRay-Disk sein, die ich mir kaufe. Es geht nichts über eine kleine Leidenschaft: purer Luxus (schon deshalb, weil ich noch keinen High-Definition-tauglichen Fernseher besitze, sondern einen uralten geerbten Eumel). Heute nehme ich mir in diesen Film allerdings eine kleine Aufgabe mit: Ich will Cameron als Drehbuchautor auf die Finger schauen. Wie macht er das: was ist sein Xong, also sein Objekt, das er als optischen Blickfang im Film präsentiert? Es ist das kleine kristallähnliche Stück Unobtanium*, das in einer Schlüsselszene im Büro des General Managers der ganzen Operation auf Pandora bläulich leuchtend in der Luft schwebt. Aber da ist sicher noch viel mehr neu zu entdecken.
* Ein hübsches Wortspiel: „unobtainable“ heißt auf englisch: nicht erreichbar. Genau dies geschieht im Film: Dieses seltsame und immens kostbare Metall, das offenbar die Schwerkraft aufzuheben vermag und die Ursache für die eindrucksvollen schwebenden Berge sein dürfte, ist ja am Schluss des Films in der Tat für die gierigen Prospektoren von der Erde unerreichbar geworden. Denn man verjagt man sie zurück zur Erde. In der Fortsetzung, die Cameron schon in Arbeit hat, dürfte das allerdings zum zentralen Thema werden: das Unobtanium doch noch auszubeuten – was natürlich nur auf Kosten der Ureinwohner von Pandora geht. Der nächste spannende Superkonflikt ist also vorprogrammiert.

Ich weiß natürlich längst aus meinen fünf voranangehenden Besuchen des Films, dass es dabei um eine ganz besonders spannende Form der Heldenreise geht: die, in welcher die Hauptfigur zum Retter einer ganzen Welt wird.

Ich könnte doch den Kinobesuch als Recherche von der Steuer absetzen -

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xytrblk meint: Das geht nicht. Genauso wenig wie du die Tageszeitung von der Steuer absetzen kannst, darfst du das mit einer Kinokarte machen. (Gute Steuertipps für Autoren gibt übrigens Uwe Szymborski*.)
* Szymborski, Uwe und Hunger, Martin: Der Schriftsteller und das Finanzamt. Norderstedt 2005 (mobook) Norderstedt 2005 (mobook). Die Broschüre enthält alles Wissenswerte und vor allem alles Wesentliche für jeden, der Bücher schreibt oder vorhat, dies zu tun. Uwe Szymborski ist sowohl Steuerberater als auch selbst Autor – und er hat das Wissen aus beiden Bereichen gut lesbar und ohne viel Drumherumreden aufbereitet. Die Illustrationen von Martin Hunger lockern die “schwere Kost” (die aber nicht schwer zu verstehen ist) angenehm mit einem Augenzwinkern auf.

Ob mit oder steuermindernden Ausgaben: Romanschreiben ist und bleibt ein spannendes Abenteuer. Davon leben kann man allerdigns in den seltensten Fällen.

Quelle:
Anonymus: “A Close-Up of the Sun”. In: Südd. Zeitung / The New York Times vom 10. Mai 2010

#81 (c) 11. Mai (5. Mai) 2010 Jürgen vom Scheidt / Quelle: xytrblk.com

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