Romanschreiben als Narrative Psychotherapie

(-> 5 meta-Ebene | 8. April 2010/17:54) Beim Schreiben eines Romans kann man drei verschiedene Aspekte unterscheiden, deren jeder seine Bedeutung für sich hat. Ein ganz wesentlicher dieser Aspekte ist der persönliche Entwicklungsprozess, den der Autor selbst dabei durchlaufen kann – wenn er oder sie es zulässt.

 Wer sich dem Abenteuer des Schreibens eines Romans überlässt, macht dabei – willentlich oder ohne es zu merken - auf drei völlig verschiedenen Ebenen eine intensive Erfahrung:

1. Man ist als jemand tätig, der/die das Handwerk des Schreibens in all seinen Facetten einsetzt. Dies kann man sich, wie es sehr häufig geschieht, autodidaktisch selbst beibringen bzw. von anderen Autoren lesend abschauen. Man kann aber auch eine entsprechende Ausbildung machen, wie sie beispielsweise am “Leipziger Literatur-Institut” möglich ist oder bei uns im IAK im Rahmen des MINOTAUROS-PROJEKTs.

2. Außerdem durchläuft man, sofern man dies zulässt, einen intensiven Prozess der Selbsterfahrung. Ich nenne das die “HyperReise des Autors”, welcher dieser parallel zur Heldenreise seines Protagonisten erlebt. Dies kommt manchmal dem Schreiben als Therapie sehr nahe, speziell wenn man mit einer oder gar mehreren Schreibblockaden konfrontiert wird. Aber auch ohne writer´s block erfährt man beim Schreiben eine Menge über sich selbst – etwa in Form von auftauchenden Erinnerungen an Kindheit oder Jugend, oder indem man eigene Alltagserlebnisse einer seiner Figuren unterlegt. Der wesentlcihe Effekt dabei ist der, dass die Figuren sich nach einiger Zeit selbstständig machen und man auf diesem Weg Gedanken und Gefühle von sich selbst kennenlernt, die einen sehr überraschen können! Romanschreiben kann entsprechend zur Narrativen Psychotherapie werden: einer Variante der Psychotherapie, welche mit Erzählen und Schreiben arbeitet.

3. Last but not least bewegt man sich beim Romanschreiben stets in einer Gruppe. Dies kann rein imaginativer Art sein, indem man für ein bestimmtes Publikum schreibt; zumindest sollte man seine Zielgruppe einigermaßen kennen und diese sich beim Schreiben immer wieder einmal vorstellen, wenn man ein Minimum an Exemplaren seines Werks auch verkaufen und gelesen haben möchte und nicht nur Nabelschau als Armer Poet betreibt. Wenn man seinen Roman – weitgehend – im Rahmen von Schreib-Seminaren verfasst (wie ich das mache*), hat man sein potenzielles Publikum sogar stets live dabei.
* Der Einwand, dass ich dabei die Seminarteilnehmer vernachlässigen könnte, trifft nicht im mindesten zu: Ganz im Gegenteil erhöht das Mit-Schreiben des Leiters ganz wesentlich dessen Aufmerksamkeit für den kreativen Prozess der Gruppe als Ganzem und der einzelnen Teilnehmer (weshalb ich z.B. Lehrern empfehle, wenigstens ab und zu mal die Aufsätze selbst mitzuschreiben, die sie ihren Schülern als Themen und Aufgaben vorsetzen).

Aus letzterem habe ich schon vor vielen Jahren für mich den Schluss gezogen, dass man gut daran tut, den 1. Aspekt der Selbsterfahrung zum Fundament seines Romanschreibens zu machen. Das macht man am besten in Form eines Begleitenden Tagebuchs (wie ich es hier auf der Website in Form des LOGBUCH führe). Selbst wenn man dann keinen Verlag für seinen Roman finden oder nicht ein einziges Exemplar verkaufen sollte, hat sich der kreative Prozess dieser HyperReise dennoch mehr als gelohnt.

Bezieht man den 3. Aspekt der anwesenden Schreib-Gruppe als erstem Publikum mit ein, indem man Teilnehmer oder gar Leiter der Gruppe ist (s. hierzu auch die Fußnote oben) ist, dann verläuft dieser kreative Prozess optimal (letzteres, dass Leiten, sollte man allerdings auch richtig lernen – sonst haben die Teilnehmer nichts davon und man selbst schon gar nicht).

#56 (c) April 2010 Jürgen vom Scheidt / Quelle: xytrblk.com

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