Riskantes Überholmanöver
(-> 3 MANUSKRIPT | 29. Mai 2010/15:01) Lauffner hatte sich vor Jahren beinahe totgefahren. Am Freitagnachmittag auf der B5 von München Trudering nach Wasserburg am Inn, unterwegs zu einem Inerviewtermin. Er war viel zu spät losgefahren, hatte die nach Hause drängenden Pendler übersehen. In einer langezogenen Rechtskurve…
… hügelauf eine endlose Kolonne von Autos überholen – das waren drei tödliche Fehler zu viel. Als ihm der andere PKW entgegenkam, hatte wahrscheinlich nur das Stoßgebet (dessen Inhalt längst vergessen war) die rettende Lücke in der Kolonne aufgerissen und ihm dort Unterschlupf gewährt. Nach diesem Ereignis war er nie wieder Auto gefahren. Es gab natürlich noch einen zusätzlichen Grund, nämlich dass ihm zeitweilig das Geld ausgegangen war und er den Wagen verkaufen musste; aber ausschlaggebend war schon die Nähe des Todes gewesen.
Nun saß er, Jahre später, am Samstagnachmittag neben Sita, die hemmungslos fluchend aufs Gaspedal ihres neuen Porsche trat und in einer lang gezogenen Kurve hügelauf gerade dazu ansetzte, eine Kolonne von Autos überholen. “Spinnst du!” brüllte er entsetzt, “da kommt einer entgegen!”
“Habt ihn längst gesehen”, knurrte sie und wollte rechts in eine lange Lücke hineinrutschen.
“Pass auf”, schrie Lauffner entsetzt, “gib Gas! Der lässt sich nicht rein!”
Denn nun geschah etwas total Verrücktes: der Corvette Stingray, ein Uraltmobil aus den 1960-er Jahren, das schon seit geraumer Zeit nahe an ihrer Stoßstange geklebt war und dem Sita offenbar endlich mit ihrem riskanten Manöver entkommen wollte, dieser Wahnsinnige mit der verspiegelte Sonnenbrille beschleunigte statt abzubremsen, wollte sie nicht in die rettende Lücke hineinlassen. Fuhr so dicht hinter ihnen auf, dass Sita in ihrer Not nichts anderes übrig blieb, als an dem nächsten Wagen in der Kolonne, heruntergeschaltet in den ersten Gang, doch noch mit aufheulendem Motor vorbeizuziehen und erst die übernächste Lücke zu nützen, nur ein, zwei Sekunden, bevor der wild blinkende Gegenverkehr laut hupend an ihnen vorbeischoss.
Lauffner hätte bedenkenlos eine Schusswaffe gezogen, wenn er eine dabei gehabt hätte, hätte auf den Gangster geschossen, der gerade mit starrem Gesicht an ihnen vorbeizog und nun selbst die wieder leere Gegenspur ausnutzte, um weit vor ihnen in eine weitere Lücke einzuspuren.
“Oh mein Gott”, war alles, was Sita sagte. Lauffner aber dachte nur: Déjà vue und behielt alles für sich, was ihm durch den Kopf schoss. Er wusste nur, dass er gerade alle Missetaten seines eigenen Autofahrerlebens abgebüßt hatte. Geschossen hätte er natürlich nicht, er wusste gar nicht, wie man eine Pistole hält. Erst lange später, als sie schon nach Garmisch hineinfuhren, sagte Sita leise: “Glaubst du auch, was ich glaube: dass dieser Kerl uns umbringen wollte?”
“Vielleicht – aber warum?”
Darauf hatten sie beide keine Antwort.
(-> 4 LOGBUCH) Und wo pack ich das jetzt rein? Das gehört jedenfalls in den Anfang. Erstes Kapitel eher nicht. Zweites oder drittes. Diese Szene fiel mir während des vergangenen Minotauros-Wochenendes in der Mittagspause beim Essen ein und musste gleich notiert werden. Klar, dass das Teil des Indischen Konzerts in der Elmau wird. Eine passende Gelegenheit, um einen kurzen Blick in die Ehe von Thomas und Lauffner zu werfen, die gerade ihrem Ende zugeht, Teil der Backstory also.
Das Thema des Wochenendes war zwar anders gemeint – nämlich auf den Minotauros in einem selbst zielend, als Innerer Schweinehund oder auch als spielendes, verweigerndes Inneres Kind. Aber dieser Kerl mit der verspiegelten Sonnebrille ist natürlich der leibhaftige Bösewicht und somit ein Minotauros im klassischen Sinne.
(-> 3 ROMAN-WERKSTATT) xytrblk meint: Nur weiter so – das ist die richtige Dosis action nach einem etwas beschaulichen Einstieg, mit dem PROLOG und dem, was danach kommt.
#143 (c) 29. Mai 2010 Jürgen vom Scheidt / Quelle: xytrblk.com