NOTIZEN zur Roman-Werkstatt (R. Barthes)

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(-> 3 ROMAN-WERKSTATT | 2010-05-10/22:05) Der berühmte französische Literaturwissenschaftler Roland Barthes (12. Nov 1915 – 26. März 1980) äußerte im Juni 1977 im Verlauf einer Debatte “mehrfach den Wunsch einen Roman zu schreiben” (Barthes S. 44, FN). Stattdessen hielt er zwei Vorlesungen zum Thema Die Vorbereitung des Romans, unter welchem Titel diese Texte posthum 2003 erschienen. Am 5. Februar 1980, zwei Tage nach Abschluss der Vorbereitungen für dieses Buch, wurde er bei einem Verkehrsunfall durch ein Auto so schwer verletzt, dass er einen Monat später starb.

Der Roman, den er da intellektuell-theoretisch vorbereitete und mit dem er seinen Abschied von der Wissenschaft einleitete, wurde also nie geschrieben. Was können wirt daraus für ein eigenes Roman-Projekt lernen?

1.1
In der 2. Vorlesung vom 9. Dez 1978 bezieht sich Barthes auf die erwähnte Äußerung – und distanziert sich sogleich von ihr:

“Es heißt sogar (so verbreiten sich Gerüchte), ich schriebe einen [Roman], was falsch ist; wenn es zuträfe, könnte ich gewiss keine Vorlesung über seine Vorbereitung abhalten: Schreiben braucht Geheimhaltung [Hervorhebung: JvS]”

Barthes, Roland: Die Vorbereitung des Romans. Berlin 2003 (Edition du Seuil), dt. Frankfurt am Main 2008 (edition suhrkamp)
2.1
Schreiben braucht Geheimhaltung – da kann man trefflich darüber streiten. Seit vielen Jahren halte ich Bücher-Werkstätten ab und Roman-Werkstätten. Da wird fleißig öffentlich geschrieben und gelesen und etliches ist inzwischen auch gedruckt erschienen. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Mangel an Geheimhaltung den Romanen geschadet hat.
Das mag freilich daran liegen, dass es sich dabei nicht um hohe Literatur handelt, etwa von den Kalibern, die Wissenschaftler wie Roland Barthes als Literatur erforschen, interpretieren und – nun ja – öffentlich verhandeln.
(1.2) 2.2
Ich schreibe diesen Roman online – im Internet. Für alle sichtbar, die es sehen möchten. Natürlich habe ich da auch so meine Bedenken, ob das gut ist – sich so zu zeigen; noch dazu mit dem Anspruch, einen richtigen Roman zu verfassen.
Da sind zum einen die teils grauenvollen bis idiotischen Pseudo-Rezensionen von Möchtegern-Schriftstellern bei amazon, die einen daran zweifeln lassen, dass Gott / das Universum / die Natur manche Menschen mit Intelligenz, Sachverstand und kritischem Unterscheidungsvermögen (was ja nicht unbedingt deckungsgleich ist) ausgestattet hat – will ich mein noch nicht einmal gedrucktes, sondern erst im Zustand des Entstehens begriffenes Werk solchen Gehirnen aussetzen? Die könnten ja noch mehr Schaden nehmen!
(1.3)
Da meldet sich zum anderen das Bedenken, ob ein Verlag sowas schon Veröffentlichtes überhaupt noch als richtiges Buch drucken möchte (den Ehrgeiz hab ich schon).
2.3
Dieser Einwand erledigt sich von selbst, wenn es ein guter Roman wird. Verlage suchen händeringend gute Romane. Weil die “unverlangt eingesandten Manuskripte”, mit denen die Lektorate tatsächlich überschwemmt werden, nichts taugen. Wie man allenthalben lesen kann: “Von tausend ist gerade mal eines brauchbar.”
Abgesehen davon: So, wie der Roman hier im Internet Kapitel für Kapitel entsteht, ist er ja noch lange nicht mit der Schlussfassung identisch, die dann gedruckt wird. (Nicht vergessen: Kerze spenden und anzünden für den Hl. St. Vitus, den Schutzheiligen der Schreibenden!)
( 1.4) 2.4

Und dann schützt mich ja noch etwas: Ich habe nicht den Anspruch “hohe Literatur” zu schreiben (was immer das letztlich ist – der Nobelpreis jedenfalls kann nicht unbedingt das Gütekriterium sein – oder der tote Dichter).
Ich habe nur den Anspruch “spannende Unterhaltung mit etwas Tiefgang und doppeltem Boden” zu verfassen. Das ist zu schaffen. Das habe ich schon mit 19 mal gemacht , mit meinem zweiten Roman Sternvogel.
Daran darf man mich dann ruhig messen.

1.5

Noch ein Zitat, von der bekannten Thriller- und Krimi-Autorin Patricia Highsmith. Irgendwo (nähere Quelle unbekannt) fand ich diesen sehr nachdenkenswerten Satz von ihr:
“Jedes gute Buch schreibt sich von selbst – man darf es nur nicht dabei stören.”

2.5

 Da hat Patricia Highsmith sicher recht. Was sie allerdings nicht sagt – und was man unbedingt ergänzen sollte: Dieses gewissermaßen “absichtslose Schreiben” ist nur dann möglich, wenn eine entsprechend intensive Phase der Vorbereitung vorangegangen ist. Sagen wir mal: drei bis zehn Jahre. Oder 28.

Doch genug der Vorreden und des xytrblk – ran ans Werk! Ran an die Abteilung ”DIKTAT und KORREKTUR (aktueller Roh-Text)

Und nachdem das Schreiben solcher Tabellen (wie oben) im html-Code sehr aufwendig ist, verzichte ich in Zukunft darauf und verwende lieber eine Art Wechselrede .

Vergl. auch: Bedarf Romanschreiben der Geheimhaltung? 

( hyp-Site #595 “3 ROMAN-WERKSTATT” wird xyt-Site #)

#108 (c) 10. Mai (April 2010 Jürgen vom Scheidt / Quelle: xytrblk.com

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