2010 oder 2008?
(-> 2 MANUSKRIPT | 7. Mai 2010/18:51) Ein Detail muss ich jetzt noch klären, eine Entscheidung fällen, ohne die ich nicht richtig loslegen kann: Ich habe ja seit 1982 schon mehrere Anläufe unternommen, diesen Roman zu schreiben. Auf diese Weise entstanden weit über 100 Kapitel und gut 1.000 Seiten Manuskript.
Aber mit jedem dieser Anfänge des Romans bin ich in einem anderen Jahr gelandet, in welchem die Geschichte spielt. Das war beim allerersten Start nicht wichtig, weil der auf einem völlig anderen Planeten handelt. Aber schon beim zweiten Anlauf bewegte ich mich im München von 1989/90, und das spiegelt sich natürlich im Zeitkolorit wieder. Einen dritten Anlauf machte ich 1999/2000. Dann schrieb ich kontinuierlich bis 2006 und entschied mich, dass die Geschichte eben da handelt: im Jahr 2006. Etwa 300 Seiten sind auf diese Weise als kontinuierlich erzählte Handlung entstanden.
Wieder wechselte die Perspektive, entwickelte sich ein ganz eigener Zweig der Geschichte auf besagtem fremden Planeten namens O°Thar.
Das war der Stand 2008, als mir plötzlich ganz klar wurde: Aus diesem geplanten einen Roman-Band muss ich eine ganze Reihe von Romanen machen, wenn ich die ganze Geschichte erzählen will, die sich da von selbst zu entfalten beginnt. Und der erste Band muss hier auf der Erde spielen! Das wurde mir immer klarer.
Sicher hat mich dabei Joanne K. Rowlings Fantasy-Konvolut um Harry Potter beeinflusst, dessen wesentlicher Erfolg meines Erachtens darin wurzelt, dass das Schicksal dieses Jungen hier-und-jetzt in einem ganz normalen spießbürgerlichen Reihenhäuschen in England beginnt und sich von dort in eine parallele exotische Welt “ganz woanders” (nämlich Hogwarts) entfaltet. Die Septalogie bezieht einen ihrer größten Reize aus dem Kontrast dieser beiden parallelen Welten.
Tja, und so entstand bei mir im Verlauf von 2008/09 ein völlig neuer Erster Band, eine Art Prequel, der zeigt, wie meine Hauptfigur Thomas Lauffner hier in München im Jahr 2008 lebt und allmählich in etwas hineingezogen wird, das meinen Helden im Zeiten Band auf die entfernte Welt O°Thar bringt.
.
Plötzlich im Jahr 2010
Wieder entstand eine Art Sendepause oder Schöpferische Pause, wie man das gerne nennt, wenn einem eine Weile nichts einfällt oder keine Zeit für die Arbeit am Manuskript ist. Letzteres war bei mir der Fall, denn eingefallen ist mir ständig etwas, sehr viel sogar. Als ich dann Anfang dieses Jahres, parallel zum Start des MINOTAUROS-PROJEKTs, die Arbeit an meinem eigenen Roman wieder aufnahm, befand ich mich plötzlich im Jahr 2010 und saugte entsprechend aktuellen Zeitkolorit auf, der sich zunehmend in der Handlung der neu entstehenden Texte niederschlug. Da die Handlung des Ersten Bandes Verschwörung der Anderen auf jeden Fall im selben Jahr spielen soll, musste ich mich entscheiden:
° Soll ich die schon vorliegenden, minutuös zeitlich festgelegten Kapitel aus dem Jahr 2008 ins Jahr 2010 verlagern -
° oder soll ich das neue Material um zwei Jahre zurückdatieren, nach 2008?
Da erstere Variante eine Menge zusätzlicher Arbeit erfordert hätte, die in 2010 spielenden Szenen jedoch problemlos auch 2008 spielen können (bis auf ein neues Kapitel, das mit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island und seine bedrohliche Aschenwolke verknüpft ist – was ich jedoch gut auch im Dritten Band unterbringen kann) – habe ich mich entschieden, dass Band 1 im Jahr 2008 spielt. Punkt und aus.
Da die Jahreszahl und andere Zeitangaben im Manuskript eher eine ordnende Hilfsfunktion für mich als Autor haben und in der endgültigen Version nur indirekt eine Rolle spielen resp. erschließbar sein werden, kann ich oder irgendein Leser dieser Zeilen natürlich fragen:
Wozu dieser ganze Aufwand? Das ist doch eh alles Phantasie!
Gut, ich schreibe nicht in Echtzeit und der Zeitkolorit ist auch nicht “1 : 1″ in die Geschichte übersetzt. Aber für die innere Kontinuität, die ich als Autor brauche, ist das schon wichtig.
.
Eine Telefonzelle in Kairo von der Steuer absetzen
Kollege Johannes Mario Simmel hat vor vielen Jahren in einem Playboy-Interview mal gesagt, er sei extra deshalb nach Kairo geflogen, weil in seinem aktuellen Roman eine Telefonzelle in Ägyptens Hauptstadt eine wichtige Rolle spielt und er wissen musste, ob dort tatsächlich ein bestimmtes Telefonbuch ausliegt.
Nun, ich bin mir sicher, dass er das nur deshalb sagte, weil er die Ägyptenreise von der Steuer absetzen wollte, und eine entsprechende Recherche für seinen Roman da ganz plausibel war. Aber gerade Kolportage-Autoren (und das sind nicht die schlechtesten, weil die nämlich Rücksicht auf ihr potenzielles Publikum nehmen) spiegeln mit solchen akuraten Details oft eine Realität vor, die man genausogut erfinden könnte. Ich glaube nicht, dass Joanne K. Rowling zu Besuch beim britischen Premier war, um dessen Arbeitszimmer beschreiben zu können, mit dem Band 6 von Harry Potter so hinreißend realistisch und zugleich komisch beginnt. Sie hat sich das einfach ausgedacht – oder anhand von Fotos oder TV-Aufnahmen nachgemalt. Nötig war solche Akkuratesse sicher nicht – weil nämlich außer dem Premier oder seinen nächsten Mitarbeitern und seiner Familie aus Sicherheitsgründen niemand jemals in dieses Büro Einlass finden wird (wahrscheinlich nicht einmal ein Filmteam).
.
Wie realistisch kann, muss, will ich sein?
Das mit dem Realismus ist also mehr oder minder Geschmacks- und Ansichtssache. Als Autor habe ich nämlich wirklich “dichterische Freiheit” und alles andere ist ziemlich pseudo und letztlich Quatsch. Aber das mit dem Zeitkolorit ist dennoch wichtig für das, was man beim Film die Continuity nennt. Wenn die Hauptfigur am Morgen aus einem schrecklichen Albtraum erwacht,
° der sie nicht nur an diesem Morgen ,
° sondern während des ganzen Tages und sogar noch Tage, ja Wochen später beschäftigt,
° wenn der Traum sogar so schrecklich und existenziell beunruhigend ist, dass die Beunruhigung sogar Monate lang anhält
° oder mehrere Bände einer Erzählung -
- dann wäre es dann schon hilfreich, wenn der zeitliche Ablauf einigermaßen klar und übersichtlich ist. So wie die Atmosphäre der Geschichte zum Albtraum passen und seine Wirkung möglichst noch verstärken sollte: Kein sonniges, heiteres Wetter also, sondern besser nasskaltes Unwetter.
Das ist natürlich künstlich – aber Kunst (und entsprechend auch Literatur, auch Unterhaltungsliteratur) hat mit künstlich eine Menge zu tun.
Mir als Autor erleichtert es jedenfalls die Arbeit, wenn ich im Rahmen meiner Geschichte glaubhaft bleibe. Deshalb – und nur deshalb – ist es sinnvoll, sich nach Start- und Landezeiten von Flügen zu erkundigen und ob es ein bestimmtes Geschäft (ein Antiquariat meinetwegen, oder einen Tatoo-Shop) 2008 im Mai tatsächlich in München-Altschwabing gegeben hat. Oder dieses berühmte Konferenzzentrum in Miama Beach oder diese Finca auf Ibiza oder dieses Stundenhotel in New York (wenn ich meinen Privaturlaub dort eventuell steuerlich geltend machen möchte – was ich jedoch, keine Sorge, nicht tun werde).
Natürlich kann man all dies einigermaßen zuverlässig im Internet recherchieren; dazu muss man also nicht unbedingt persönlich vor Ort erscheinen. Aber Gedanken über diese Backstory sollte man sich schon jede Menge machen, damit die Geschichte glaubhaft rüberkommt.
.
xytrblk meint: Du wirst mit deinen Überlegungen schon wieder – nun ja: ausschweifend.
JvS: Ich musste diese letzte wichtige Entscheidung treffen. Vorher hätte ich nicht weiterarbeiten können. Aber jetzt geht´s los.
#102 (c) Mai 2010 Jürgen vom Scheidt / Quelle: xytrblk.com